Kochen

Der Mensch ist, was er isst

der mensch ist, was er isstNahrungsmittel haben großen Einfluss auf uns – mehr, als wir gemeinhin meinen. Mais, Kartoffeln, Gewürze stillten über Jahrhunderte nicht nur Hunger, sondern waren Wegbereiter für gesellschaftliche Umwälzungen, wirtschaftlichen Fortschritt. Das belegt der britische Bestsellerautor Tom Standage in seinem neuen Buch „Der Mensch ist, was er isst" auf ebenso gelehrige wie unterhaltsam-spannende Art.


Er zeigt, wie viel doch der Mensch im Laufe der Jahrtausende seiner Nahrung verdankte. Praktisch alles nämlich – so Standage: „Schließlich ist für alles, was der Mensch im Laufe der Geschichte je getan hat, das Essen buchstäblich der Treibstoff gewesen", schreibt er im Vorwort. Die restlichen sechs Kapitel und das Nachwort („Zutaten der Zukunft") sind keine ganz leichte Kost (der Mann hat seine Ausbildung in Oxford genossen) – aber ungeheuer nahrhaft, um im Bild zu bleiben: Dank der reichhaltigen Zutaten offenbaren sich bei der Lektüre immer wieder so noch nicht gekannte und noch nie bedachte Zusammenhänge.


„An Edible History of Humanity" (wie das Buch im Original übrigens seinem wahren Gehalt nach weitaus angemessener betitelt ist) ist eine kulinarische Kulturgeschichte in Sechs-Gängen, die Erkenntnishunger macht. Und dabei viele neue Einsichten bringt: Zum Beispiel, dass der Übergang vom Stadium der Jäger-und- Sammler zum Ackerbau vor etwa 10.000 Jahren nicht nur unser Essen, sondern weltweit unsere Gesellschaft(en) radikal verändert hat. Eigentum, Besitz, arm und reich – vorher hat es das nicht gegeben.


Es folgten Städte, Hohe Priester, Adel, Könige, Dynastien, Spezialisierungen in Beruf und Verwaltung (eindrucksvoll belegt an Mayas und Azteken, Ägypten und Mesopotamien), aber auch an kleineren Gesellschaftsverbünden (wie etwa melanesischen Stämmen). Das erstaunliche Fazit: „Die Menschen veränderten die Pflanzen und die Pflanzen veränderten die Menschheit."


Kleiner Schwank nebenbei für Bajuwaren: „Man hat sogar behauptet, die zufällige Gärung von Getreide und die daraus resultierende Entdeckung des Bieres habe den Anreiz für die Übernahme des Ackerbaus dargestellt." Na Prost!


Der Zirkel von Essen, Macht und Reichtum wird facettenreich immer wieder beleuchtet: Vom Entstehen der großen Weltreiche, der Entdeckung ganzer Kontinente quasi als Nebenprodukt der Jagd nach kostbaren Gewürzen über die Industrialisierung oder „Essen als Waffe" (Napoleons Feldzüge, Stalins und Maos politisch motovierte Hunger-Epidemien) – immer folgen wir dem Autor fasziniert auf den Spuren der Welternährungslage durch die Jahrhunderte. Bis zur „Paradoxie der Fülle" unserer (westlichen) Tage.


Und was ist die alles übergreifende Erkenntnis aus all dem? – wollten wir beim Lokaltermin in München vom Autor selbst erfahren. „Dass wir unser Essen nicht als etwas Selbstverständliches betrachten sollten." Wird nach der Lektüre dieses überaus klugen und empfehlenswerten Bandes keiner mehr tun.


Tom Standage lebt mit Frau und Kindern in London. Er ist Redakteur beim Economist und schreibt unter anderem für die New York Times. Von ihm sind bereits verschiedene Bücher erschienen, unterv anderen "Sechs Getränke, die die Welt bewegten".


Der Mensch ist, was er isst
Artemis & Winkler
282 Seiten
19,90 Euro

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