Berliner Szenen

Die Berliner "Craft Beer Revolution" Warum es öd ist immer nur Helles, Pils und Weizen zu trinken.

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Nina Anika Klotz ist freie Wirtschaftsjournalistin und lebt in Berlin. Sie schreibt am liebsten über Essen und Trinken. Ihre Artikel sind in der Financial Times, Capital, Der Feinschmecker und Zeit Online erschienen. Als Tochter eines Lebensmittel-Technologen hat die Bayerin immer schon gern und gut gegessen – die Entscheidung auch darüber zu schreiben, lag da irgendwie nahe.

Manchmal überkommt einen in Berlin so eine unbestimmte Trauer um längst vergangene Zeiten. Nichts, an das man sich tatsächlich erinnern könnte. Es geht mehr um so richtig lang vergangene Zeiten. Jahrhundertwende. Goldene Zwanziger, so etwas. Zeiten, in denen am Potsdamer Platz noch das Grand Hotel Esplanade und nicht der Verwaltungssitz der Deutschen Bahn stand. Als Max Raabe noch echt war. Und die Berliner Weiße nicht "Grün" oder "Rot" hieß, sondern "Champagne du Nord".

Heute ist Berliner Bier alles andere als Champagner, eher ein ziemliches Einheitsgewäsch. Hinter Schultheiss, Kindl und Berliner Pilsner steckt allsamt Radeberger. Was schade ist, vor allem, wenn man bedenkt, dass es in Berlin damals, in den längst vergangenen Zeiten, hunderte Hausbrauereien gegeben haben soll. Aber dann ist Berlin ja eben auch Berlin. Immer neu, immer nach vorne. Modern, kreativ, ja wirklich, das sagt man nicht nur so über Berlin. Es stimmt. Manchmal und in Teilen zumindest. So ist Berlin beispielsweise ziemlich weit vorn bei der jüngsten Bewegung in der Bierbranche, der "craft beer revolution".

craft beer daysIdee und Ursprung kommen aus den USA. Da fingen sie schon in den 1970ern an, als Alternative zum immer langweiliger werdenden Industriebier eigene Biere zu brauen. Craft Beer, Handwerksbier sozusagen. Erst verkauften sie es nur im nächsten Pub, später auch weiter weg. Heute gibt es in den Staaten etwa 2.400 Craft Breweries. Vor zwei Jahren begann das nun auch in Berlin: Thorsten Schoppe ist einer der ersten Berliner Craft Brewer, die Jungs von Beer4Wedding, Brewbaker, die Vagabund Brauerei und Heidenpeters auch. Die alle plus ein gutes Dutzend anderer Craft Brewer aus ganz Deutschland kamen Ende Juli auf Initiative des Alten Mädchen in die Malzfabrik in Tempelhof. Die ersten Berliner "Craft Beer Days" waren irgendwas zwischen Minifestival, Biermesse und Open-Air-Verkostung. Mit Livemusik und eben vielen andersartigen Bieren. India Pale Ales, vor allem.

Ganz im Sinne dieser Bewegung hat die Berliner Biersommelière Silvia Kopp ein neues Unternehmen gegründet, die Berlin Beer Academy. Ab September will sie Kurse für Gern-Trinker und Gastronomie anbieten, über Bier, wie es schmecken soll und was man darin schmecken kann. Weil's eben mehr ist als nur das Zeug zum Runterhopfen bei der Sportschau. Zum Auftakt ließ Silvia Kopp einen Container voll US-Craft Beer per Schiff erst nach Hamburg und dann weiter nach Berlin liefern. Und sie brachte so etwas wie den Star der Szene, Greg Koch von der Stone Brewing Company, einer der fünf größten US-Craft Breweries nach Berlin und ließ ihn erzählen. Warum es öd ist immer nur Helles, Pils und Weizen zu trinken.

Weil das nun viel Bier war, noch eine Wein-Restaurant-Empfehlung hinterher: Nicht neu, eigentlich. Das Joleschin Berlin-Kreuzberg gibt es schon seit 18 Jahren. Neu ist aber, dass es neben Gerichten aus der Rubrik "Österreich klassisch" mit Schnitzel (Der Trick , sagt die Chefin Renate Dengg, ist, es frisch zu panieren, direkt bevor's in die Pfanne kommt), Gulasch (häufigstes Mitarbeiteressen) und Tafelspitz, jetzt auch ein Menü "Österreich modern" gibt. Mit "Surf, Turf & Fly" (Kalbszunge, Krustentierbisque und Hühnchenflüge) und "Waldboden" (geschmortes Wild auf Pilzen, mit Klee, Preiselbeeren und Nüssen). Dazu empfiehlt die Wirtin einen Österreicher, Weißburgunder, Grüner Veltliner. Natürlich.

Mehr über Nina Anika Klotz und ihre Arbeit unter www.misstype.de

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