Kolumnen

Im Sommer tust du gut und im Winter tut’s weh Warme Gedanken über Cuptasting, Cremetorten und Comeback

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Nina Anika Klotz ist freie Wirtschaftsjournalistin und lebt in Berlin. Sie schreibt am liebsten über Essen und Trinken. Ihre Artikel sind in der Financial Times, Capital, Der Feinschmecker und Zeit Online erschienen. Als Tochter eines Lebensmittel-Technologen hat die Bayerin immer schon gern und gut gegessen – die Entscheidung auch darüber zu schreiben, lag da irgendwie nahe.

Es scheint fast so, als würde dieser Winter nie, niemals zu Ende gehen. Seit Wochen, ach, Monaten ist die Hauptstadt von oben bis unten miesmurksmatschmausgrau. Und wenn die Sonne es wagt, auch nur für Sekunden den tödlich deprimierenden Himmel über Berlin aufzuhellen, dann schneit es danach wie zur Strafe wieder drei volle Tage lang durch.

Durch Friedrichsstraße und Karl-Marx-Alle bläst ein schauerlicher Eiswind. Den Ost-Souvenir-Händlern vor dem Berliner Dom gehen bald die Sowjet-Pelzmützen aus. Dann gibt es nur noch Atemschutzmasken. Aber die machen die Ohren nicht warm. Und so halten sich die Berliner – was sollen sie auch anderes tun – an Herz, Magen und Seele erwärmenden Getränken fest. An Doppelkorn, zum Beispiel. Oder besser: An Kaffee. Mit etwas Glück sogar an richtig gutem Kaffee.

CK Café

Cory Andreen ist der amtierende Cuptasting-Weltmeister, der beste Kaffeeverkoster der Welt. Und er lebt erstens in Berlin und hat zweitens eine Mission: Cory Andreen will den Filterkaffee wieder salonfähig machen. Schwarzer Kaffee, so der Amerikaner, sei ein ungemein komplexes Getränk, mit 800 bis 1000 Aromaten sogar um einiges komplexer als Wein (der hat gerade mal 300 solcher aromatischer Verbindungen).

CupcakesEs ist ganz unglaublich, wie unterschiedlich Bohnen aus Kenia und aus Mexiko schmecken, was Röstgrad und Zubereitungsart ausmachen können. Unglücklicherweise haben die meisten Kaffeetrinker das irgendwie vergessen. Weil sie Kaffee seit geraumer Zeit fast nur noch mit aufgeschäumter Milch oder schlimmer noch mit irgendwelchen Sirüppchen trinken. Oder aber als Espresso. Espresso! So ziemlich das Schlimmste, was man einer Kaffeebohne antun kann, findet Cory Andreen, der Kaffeeverkostungschampion.

In seinem „CK Café“ (www.cafeckberlin.com) in der Marienburgerstraße, Prenzlauer Berg, arbeitet er an der Re-Etablierung des Filterkaffees. Wobei das nicht nur er alleine macht, sondern ein Verbund von sieben Berliner Cafés. Die haben es sich als „Berlin Coffee Society“ zum gemeinsamen Ziel gemacht, schwarzen Kaffee (wieder) zu etwas Feinem machen. „Für viele ist Kaffee ja nur Treibstoff“, sagt Andreen. Dabei sollte er ein Genussmittel sein.

In den USA, in England, Australien und ganz besonders in Skandinavien ist er das bereits wieder. Man spricht von der „Third Wave of Coffee“. Die erste Welle schwappte kurz nach dem Zweiten Weltkrieg um die Welt, mit ihr wurde Kaffee zu einem Getränk für die Massen, der alltägliche Morgentrunk für Jedermann. Die zweite Welle kam in den Achtzigern, als der Filterkaffee aus der und Cappuccino in Mode kamen. Mit ihr schossen auch die Coffeeshops überall aus dem Boden. Die dritte Welle ist nun auf eine Art Rückbesinnung. Es geht weg von tiefschwarztot gerösteten Bohnen, deren letztes bisschen Geschmack in monströsen, röchelnden Espressomaschinen unter 10 Bar Druck zermalmt werden. Und es geht neuerdings um Terroir und Bouquets, um fruchtige Aromen, Zitrusnoten. Das kann man alles in einem sorgsam geerntet, geröstet und gebrühten Kaffee in einem der Berlin Coffee Society Cafés entdecken.

Einladung zur Eröffnung des Sra Bua im AdlonSra Bua

Und was ja auch immer ein bisschen gegen üble Kälte hilft, ist es, sich warme Gedanken zu machen. An so was wie…. Thailand zum Beispiel. Kulinarisch versierte Berliner denken dieser Tage an Thailand, an Bangkok um genau zu sein. Nichts Genaues weiß man ja noch nicht, aber schon vor ein paar Wochen flatterten überdimensionierten Einladung zur Eröffnung des Sra Bua am 11.April im Adlon in die Briefkästen.

Das Kempinski Konzept-Restaurant gibt es schon in Kitzbühel, Sank Moritz und in eben Bangkok. Küche: Fein-Asiatisch. Küchenchef: Rotzig-Berlinisch. Tim Raue feiert sein Comeback im Adlon. Was so manchen erstaunt. Schließlich war es damals vor drei Jahren seine Wahl, das Hotel zu verlassen und seinen eigenen Laden in Kreuzberg zu eröffnen. Der soll auch weiter bestehen, als sein eigentliches Standbein. Was er nun genau in dem Sra Bua…? Wir warten ab. Und schauen, wie das wird. So wie wir auch auf Plusgrade, Schneeschmelze und den Frühling warten. Schicksalsergeben mehr denn geduldig. Die Berliner, die das Ende des ewigen Hauptstadteises nicht sehnsüchtig erwarten sind die 750 Schneemänner auf dem Schlossplatz. Die stehen da um gegen den Klimawandel zu demonstrieren. Auf ihren Schildern steht „War schön mit Euch“ und „Wegen Euch müssen wir schmelzen“ – nur verhallt der Protest, weil sie hier stehen und stehen und stehen.

Berliner Naschmarkt

Auch Wärme, vor allem menschliche, weil es nämlich bummsvoll war, gab es auf dem „Berliner Naschmarkt“ Anfang März zu genießen. Fast fünfzig Aussteller waren da, hunderte Besucher und ungefähr Trillionen Cremetorten, Obstkuchen, Zimtschnecke, Muffins, Macarons und Cakepops, Kuchen am Stiel. Schönes eben für die vom Winter geknechteten Berliner. Die ja sonst keine Sonne mehr im Leben haben. Let them eat cake. Der Naschmarkt findet unregelmäßig aber immer mal wieder in der eigentlich immer lohnenswerten Markthalle Neun in Kreuzberg statt.

Mehr über Nina Anika Klotz und ihre Arbeit unter www.misstype.de

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