Geld & Genuss

Die Schokoladenseite der Kakaobohne A Criollo a day keeps the Psychiatrist away

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Nela Steinbeisser ist Finanzprofi und passionierter Foodie. Ihre Welt besteht aus Blue Chips und Black Truffles. Für beides hat sie ein ausgesprochen talentiertes Händchen. Die gelernte Börsenhändlerin schreibt über Geld und Genuss. Zwei Begriffe, die bei den meisten Menschen tiefes Wohlbehagen auslösen und seit Jahrhunderten die Welt bewegen.

Wie beginnt man eine Geschichte über Schokolade? Mit Jonny Depp und Juliette Binoche? Warum nicht! Ihr gemeinsamer Film ‚Chocolat‘ hat die Wiedergeburt der Schokolade kräftig angeschoben. Diese Komödie voller Witz und Weisheit zeigt, was der Genuss von Schokolade bewirken kann. Eine ganze französische Kleinstadt verfällt laut Drehbuch den verführerischen Pralinés der Vianne Rocher. Die kleinen, dunklen Köstlichkeiten wecken die verschütteten Sehnsüchte der Menschen. Sie fördern ihr Selbstbewusstsein und verleihen ihnen Sinnlichkeit.

Die Mischung aus Schokolade und Lebensfreude, die in ‚Chocolat‘ so zauberhaft dargestellt wird, ist keine Erfindung von Hollywood. Schokolade macht tatsächlich glücklich! Die Kakaobohne enthält viele Substanzen, die für Körper, Geist und Seele sehr wertvoll sind. „Kein zweites Mal hat die Natur eine solche Fülle wertvollster Nährstoffe auf einem so kleinen Raum zusammengedrängt“, wusste schon der deutsche Naturforscher Alexander von Humboldt.

Kakao enthält Endorphin und PEA. Chemische Verbindungen, die das zentrale Nervensystem stimulieren und die natürlichen Opiate in unserem Körper anregen. Die Folge sind gute Laune, Gelassenheit und Euphorie. Würde man mehrere Kilogramm Schokolade essen, könnte man sogar die Wirkung eines Joints erreichen.

schokoladeDarüberhinaus weist Kakao Theobromin auf. Dieser Stoff findet sich auch in den Früchten des Kolabaums und des Matestrauchs. Er kann in hoher Dosis Rauschzustände auslösen. Wie Koffein hält er wach und macht munter. Früher kauten die Indios Unmengen von Kolablättern, um die harte Arbeit auf den Feldern und in den Bergwerken zu ertragen. Die Kakaobohne hätte es auch getan.

Streng genommen ist Schokolade eigentlich ein Fall für die Drogenfahndung.

Die Schoko-Junkies beunruhigt nun eine Meldung, die erst nach mehrmaligen Lesen ihr ganzes erschreckendes Potential offenbart. „Für den Future auf Kakao im Endloskontrakt liegt enormer Kaufdruck vor“, schreibt ein unbekümmerter Analyst. „Die Lagerbestände nehmen ab. Der Widerstand bei 1.400 ist gefallen. Die Rally geht weiter!“

Übersetzt heißt das: die Kakaopreise explodieren! Schokolade wird immer teurer! Der Preis für Kakaobohnen hat an den weltweiten Terminbörsen seit Ende 2007 um 80 Prozent zugelegt. Die Tonne kostet inzwischen über 1.800 US-Dollar.

Neben den immer wieder aufflammenden Unruhen an der Elfenbeinküste und temporären Wetter-Eskapaden liegt das vor allem an der deutlich gestiegenen Nachfrage in Europa. In der alten Welt ist Schokolade ‚in‘ wie nie! In Deutschland – so meldet die Süßwarenindustrie – ist die Kakaovermahlung in den vergangenen Jahren stetig gestiegen. Einzig die Wirtschaftskrise sorgt zur Stunde für eine leichte Delle. Der ‚Jahrhundertkoch‘ Eckart Witzigmann vergleicht diesen Boom mit der kulinarischen Aufbruchsstimmung in den 70er Jahren.

Protagonisten dieser Renaissance sind die jungen Wilden der Schokoladenszene. Sie scheinen sich - dank einer täglichen Dosis dunkler Schokolade - im permanenten Rauschzustand zu befinden. Selten trifft man Handwerker, die mit einer derartigen Begeisterung über das eigene Produkt sprechen. „Spiegelt euch in ihr. Hört den reinen Klang. Atmet ihre Aromen“, formuliert ein Produzent aus Italien. Und sein Kollege aus Belgien dichtet: „Eine Ur-Energie betört die Sinne. Würze und Sünde, Linien und Kurven verschmelzen ineinander“.

schokoladeDiese ‚neuen‘ Schokoladen-Macher lehren den Etablierten das Fürchten. Sie erheben ihr Produkt zum Kult. Indem sie es radikal herabbrechen auf die Urstoffe der Natur. Auf die Substanzen, mit denen die Azteken-Könige einst den ‚Trank der Götter‘ anrührten. Wie die Schöpfer großer Weine jonglieren sie mit Lagen, Sorten und Ernten.

Im Mittelpunkt steht dabei die Kakaobohne. Mit ihr steht und fällt die Qualität einer Tafel Schokolade. In ihr sollen, so heißt es, über eintausend verschiedene Aromen schlummern. Die Edelste unter ihnen ist die Criollo! Sie kommt bei der Herstellung der dunklen Bitterschokolade zum Einsatz. Ihr Aroma erinnert an Karamell, Waldbeeren und Tabak. Zudem, so schwärmen Experten, hat sie wenig Säure und einen überaus milden Geschmack.

In ihr lauern die ‚berauschenden‘ Inhaltsstoffe in dichter Fülle. Criollo ist eine Droge mit hohem Abhängigkeitspotential! Feindbild für jeden Therapeuten. „A Criollo a day keeps the Psychiatrist away!“ müsste es eigentlich heißen.

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