Kolumnen

Der Butler und die Zauberin Die Weinexperten von Sotheby's und Christie's

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Unsichtbar

Nela Steinbeisser ist Finanzprofi und passionierter Foodie. Ihre Welt besteht aus Blue Chips und Black Truffles. Für beides hat sie ein ausgesprochen talentiertes Händchen. Die gelernte Börsenhändlerin schreibt über Geld und Genuss. Zwei Begriffe, die bei den meisten Menschen tiefes Wohlbehagen auslösen und seit Jahrhunderten die Welt bewegen.

Serena Sutcliffe könnte einem Harry-Potter-Film entstiegen sein. Mit ihrem weiß-blonden Haar, ihrem hageren Gesicht, ihrer langen hakenförmigen Nase, ihren blitzgescheiten Augen und ihrem freundlichen Wesen wäre sie die Idealbesetzung für eine etwas verschrobene Professorin an der Zauberschule Hogwarts. Dekan Dumbledore würde sich glücklich schätzen, sie willkommen zu heißen.

Doch Serena Sutcliffe hat bereits einen Job! Sie ist eine höchst angesehene Weinexpertin und leitet seit 16 Jahren das ‚International Wine Department‘ von Sotheby's in der New Bond Street im feinen Mayfair. In London und in New York versteigert sie in schöner Regelmäßigkeit die edlesten Tropfen der Welt. Über 30 Millionen Flaschen hat sie in ihrer Karriere unter den Hammer gebracht. Ein einträgliches Geschäft! Das ehrwürdige Sotheby setzte im vergangenen Jahr über 27 Millionen Euro mit Wein um.

Sutcliffes schärfster Konkurrent sitzt einen Steinwurf entfernt in der King Street im noch feineren St. James’s. Michael Broadbent ist der Gründer der Weinabteilung von Christie’s. Auch er hätte in Hollywood Erfolge gefeiert. Er ist die makellose Verkörperung des englischen Butlers. Dinstinguierte Haltung, reserviertes Lächeln, perfekte Kleidung, diskeretes Auftreten. Die Rolle des Butlers Stevens in James Ivorys Meisterwerk „Was vom Tage übrig blieb“ scheint für ihn wie geschaffen. Nun ja, Anthony Hopkins war bekanntlich schneller.

Und das ist auch gut so! Denn Hopkins hat Stevens brillant gespielt und Broadbent ist als Weinkenner unersetzlich. In seinen kleinen roten „Tasting Notes“, Bestseller auf dem angelsächsischen Buchmarkt, finden sich 85.000 Einträge über Weinverkostungen. Eine einzigartiges Zeugnis von Erfahrung, Wissen und Geschichte. Broadbent ist seit über 50 Jahren im Weinhandel tätig und gilt als Elder Statesman der Branche. Christie’s verdankt ihm die Spitzenposition. 2006 ersteigerten die Kunden des Hauses Bouteillen für 47 Millionen Euro.

Sutcliffe und Broadbent sind die Protagonisten in einem Stück, das seit Jahren auf dem Spielplan steht und Umsatzrekorde bricht. Wie auf dem Kunstmarkt steigen die Preise auch auf dem Weinmarkt ins Unersättliche. Der Grund für diese nicht enden wollende Hausse ist unter anderen in Asien und Rußland zu finden. Wer dort Erfolg hat, will das auch zeigen. Ein Latour im Learjet, ein Sassicaia im Chalet oder ein Margaux auf der Yacht gehören in diesen Kreisen zum feinen Ton. Die neuen Milliardäre sind bereit für eine seltene Flasche den Gegenwert eines Penthouses auf den Tisch zu blättern.grand vins

Die explodierenden Preise locken natürlich auch Spekulanten an. Sie behandeln Weinflaschen wie Wertpapiere. Sie bilden Investmentfonds, schaffen Leitindizes, fabulieren über Performance und Assetklassen und treiben so die Preise weiter und weiter in die Höhe. Die großen Weine sind längst eine attraktive Geldanlage. Der ‚Liv-Ex 100 Index‘, der Dow Jones des internationalen Weinmarktes, hat in den vergangenen zwölf Monaten satte 54 Prozent zugelegt.

Am begehrtesten sind auf Auktionen die Weine aus dem Bordeaux. Insbesondere die fünf ‚Premiers Crus‘ Lafite, Latour, Mouton-Rothschild, Margaux und Haut-Brion und große Namen wie Petrus, Cheval-Blanc oder Yquem. Hinzu kommen Lagen im Burgund, an der Rhone und in der Champagne. Zu den übermächtigen Franzosen gesellen sich die üblichen Toskaner wie Tignanello, Sassicaia oder Brunello. Und einige wenige Kalifornier.

Diese Weine sind die Top-Seller! Sie schmücken mit großer Beständigkeit die Rekordlisten von Christie’s und Sotheby. Sechs Magnum Mouton-Rothschild 1945 erzielten kürzlich in New York 252.000 Euro. Zwölf Flaschen Romanée Conti 1978 fanden für 138.000 Euro einen neuen Besitzer. Und eine einzige Flasche Lafite aus dem Jahre 1787 mit dem Initialen des US-Präsidenten Thomas Jefferson brachte 115.000 Euro.

Käufer zu finden ist in diesem Geschäft nicht schwer. Wer aber verkauft?

Es sind begüterte Erben wie die Baronesse Philippine de Rothschild, die sich in New York von einigen Bordeaux trennte. Die Fachwelt war wie elektrisiert. Schließlich kamen die Weine nicht aus irgendeinem Privatkeller, sondern direkt von der Quelle. Nach der Auktion war die Baronesse um 1,6 Millionen Euro reicher.

Es sind besessene Sammler wie der Musical-Komponist Andrew lloyd Webber. Eines Tages wurde er seiner Weinkeller in England und Südfrankreich überdrüssig, verkaufte alles und fing wieder von vorne an. Seine Sammlung kommentierte Serena Sutcliffe mit den Worten „Hätte Bacchus einen Weinkeller gehabt, das wäre er gewesen!“ Die Auktion erzielte 5,3 Millionen Euro.

Und es sind schrullige Privatiers wie Park B. Smith aus Connecticut, der 80.000 Flaschen der edelsten Weine besitzt. Der 75jährige Textilfabrikant sitzt manchmal stundenlang in seinem gigantischen Weinkeller und spricht mit seinen Flaschen. Sein Frau findet das in Ordnung, „as long as they don’t start talking back to you“.

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