Kolumnen

Olivenöl - Extra Falsificato Der Profit mit gepanschtem Öl ist so hoch wie beim Kokainhandel

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Unsichtbar

Nela Steinbeisser ist Finanzprofi und passionierter Foodie. Ihre Welt besteht aus Blue Chips und Black Truffles. Für beides hat sie ein ausgesprochen talentiertes Händchen. Die gelernte Börsenhändlerin schreibt über Geld und Genuss. Zwei Begriffe, die bei den meisten Menschen tiefes Wohlbehagen auslösen und seit Jahrhunderten die Welt bewegen.

1981 forderte der größte Lebensmittel-Skandal Spaniens 750 Tote. Kriminelle Händler hatten Industrieöl als Olivenöl verkauft. Das vergällte Rapsöl, das für die Stahlherstellung bestimmt war, enthielt hochgiftige Substanzen. 25.000 Menschen wurden vergiftet. Die meisten von ihnen bleiben ihr Leben lang invalide.


1986 konfiszierte die italienische Anti-Fälschungseinheit NAS, die ‚Nucleo Anti Sofisticazioni', mehrere zehntausende Liter italienisches ‚Olio Extra Vergine'. Das angeblich hochwertige Olivenöl stammte tatsächlich aus der Türkei und war mit Unmengen von Haselnussöl gestreckt worden.

1991 verhaftetet die ‚Guardia di Finanza' einen führenden Olivenölproduzenten aus dem Süden Italiens. Er hatte etliche Schiffsladungen mit türkischem Haselnussöl als griechisches Olivenöl ausgezeichnet. Anschließend vermengte er die Brühe mit billigem Speiseöl aus Italien und verkaufte es als ‚Extra Vergine'.


2005 kamen Ermittler der italienischen Gesundheitspolizei, das ‚Comando Carabinieri per la Sanita, einer Verbrecherorganisation auf die Spur, die minderwertiges Rapsöl mit künstlichem Chlorophyll koloriert und mit synthetischen Duftstoffen aromatisiert hatte. Sie beschlagnahmten 100.000 Liter gefälschtes Olivenöl. Die Ware hätte auf dem freien Markt etwa sechs Millionen Euro eingebracht.


olivenoelDiese Liste kann man endlos fortführen. Die Geschichte des Olivenöls ist eine Geschichte der Panscherei, des Etikettenschwindels, des Schmuggels und der Steuerhinterziehung. Von den alten Römern bis in die Neuzeit ist das Olivenöl das am häufigsten gefälschte Lebensmittel der Welt. Damals wie heute lassen sich mit dem grünen Öl der Götter extreme Gewinnspannen erzielen. Das Magazin der Süddeutschen Zeitung zitiert einen Beamten vom Europäischen Amt für Betrugsbekämpfung (OLAF) folgendermaßen: "Die Erträge mit gepanschtem Olivenöl sind ähnlich hoch wie beim Kokainhandel. Nur die Risiken sind viel geringer!"


Wie hoch die Gewinne mit gefälschtem Olivenöl tatsächlich sind, wagt niemand zu schätzen. Bedenkt man, das pro Jahr etwa 2.8 Milliarden Liter Olivenöl erzeugt werden, lässt sich der Profit der Öl-Gangster erahnen. Nicht zufällig gehören die sizilianische Mafia, die neapolitanische Camorra oder die kalabresische Ndrangheta zu den erfolgreichsten Unternehmen Italiens. Der Händlerverband ‚Confesercenti' schätzt ihren Umsatz auf 90 Milliarden Euro jährlich.


Ein nicht unerheblicher Teil davon wird mit gefälschten Lebensmitteln verdient. Die ehrenwerten Herren haben sich in der Nahrungsmittelindustrie festgesetzt. In den süditalienischen Städten sind ganze Branchen in ihren Händen. Mit Vorliebe werden hochwertige und damit teure Lebensmittel gefälscht: Kaffee, Wein, Büffelmozzarella, Fisch und Olivenöl. Die dunklen Geschäfte werden ihnen von den Konsumenten leicht gemacht. Bei den meisten sind die Geschmacksknospen eher rudimentär ausgeprägt.


Neben den Aktivitäten des organisierten Verbrechens gibt es beim Olivenöl auch noch die ‚legalen Fälschungen'. Falsifikate also, die sich geschickt im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen bewegen. Voraussetzung für diese Machenschaften sind Gesetze, die bis ins Unkenntliche verwässert wurden. Dafür haben die Lobbyisten der Olivenöl-Multis in den vergangenen Jahren erfolgreich gesorgt! Von Novelle zu Novelle wurden die Kriterien für hochwertiges Olivenöl immer weiter nach unten geschraubt.


olivenHauptziel der Einflüsterer in Rom und Brüssel war und ist die höchste Qualität ‚Extra Vergine'. „Wären die strengen Gesetze, die Anfang der neunziger Jahre formuliert wurden, heute noch in Kraft", konstatiert die Schweizer Zeitschrift ‚Merum', „dann müsste der überwiegende Teil der Markenöle auf das Attribut ‚Extra Vergine' verzichten!" Die gesetzliche Bandbreite ist inzwischen so großzügig, dass sich viele minderwertige Öle ‚Extra Vergine' nennen dürfen. Höchstens zehn Prozent des im Mittelmeerraum erzeugten Olivenöls erfüllt dagegen, nach Ansicht von Experten, den hohen Anspruch der einst unbefleckten Güteklasse.


Auf das Etikett ‚Extra Vergine' ist also nur bedingt Verlass. Es sagt zu häufig nichts über die Qualität des Öls aus. Wie aber erkennt man gutes Olivenöl? An Geschmack, Farbe, Konsistenz, Duft, Aroma und Charakter! Wer sich ein Urteil aus Mangel an Erfahrung nicht zutraut, sollte sich an den Feinkosthandel wenden. Ein kundiger Händler kann über den Produzenten des Öls detailliert Auskunft geben. Es sollte eine Mühle sein, die Olivenöl in überschaubaren Mengen herstellt.


Ein weiteres Kriterium ist der Preis. Qualität muss zwar nicht automatisch teuer sein! Wer aber glaubt ein erstklassiges Öl für 1,99 Euro kaufen zu können, der will betrogen werden.

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