Tempel on Tour

Große Oper mit Heiratsantrag Schauspieler Max Tidof mit Mark Twain auf Sylt

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Michael Tempel ist seit 30 Jahren für Reise- und Lifestyle-Magazine unterwegs. 2006 entwickelte er das "Gault Millau Magazin", das er mehr als zwei Jahre leitete. Von 2011 bis 2013 war er Chefredakteur der deutschen und österreichischen Ausgabe des Magazins "Falstaff". Sein Faible sind (kulinarische) Entdeckungen. Und die Menschen, die dahinter stehen.

"Das", sagte die Sommelière in resolutem Ton zu dem Gast, "geht gar nicht!" Hatte jener doch die Unverfrorenheit besessen, zum Thunfisch (mariniert und gebraten, mit Teriyakisauce, Gourkenmousse sowie Bergamotteschaum – eine treffliche Kombination) nicht den auf Holger Bodendorfs Menükarte vorgesehenen 2012er Riesling Spätlese "Sex, Drugs & Rock ’n’ Roll" vom Weingut Emil Bauer aus der Pfalz zu akzeptieren. Nein, der Steuerberater wollte gleich den 2006er Château La Garenne aus dem Bordelais, der erst für den Fleischgang vorgesehen war. Rotwein zum Fisch? Warum nicht, des Gastes Geschmack ist schließlich sein Himmelreich.Nicht so im "Bodendorfs" im Landhaus Stricker auf Sylt während der vorletzten Station der Davidoff Tour Gastronomique 2013.

Der Bordeaux würde den Thunfisch geradezu niedermachen, hieß es, während der Riesling mit seiner schönen Frucht und der fein eingebundenen Säure dessen Eigengeschmack noch unterstütze. Da der Gast, wie sich nach der Jakobsmuschel mit Topinambur (plus Haselnuss und Lardo – ebenfalls delikat) herausstellen sollte, viel für Rock ’n’ Roll übrig hat, ließ er sich überreden, mochte sich dann aber doch der Auffassung der Expertin nicht anschließen. Immerhin, er hat es versucht.

Schauspieler Max Tidof auf SyltMax Tidof, den aufgrund seiner Intonation mit Mark Twain offenbar eine Seelenverwandschaft verbindet, las vor dem bretonischen Steinbutt (à point glasig, faszinierend harmonisch mit grünem Spargel, geräuchertem Maispüree, Malzöl und Espressocreme) aus dem 1880 erschienenen Band "Bummel durch Europa" die Episode, als der amerikanische Schrifsteller einer Aufführung der Wagner-Oper "Lohengrin" in Mannheim beiwohnte. "Das Gebumse und Gepauke und Gedröhne und Gekrache war einfach unglaublich. Der quälende und unbarmherzige Schmerz, den es verursachte, ruht in meinem Gedächtnis gleich neben der Erinnerung an die Zeit, als ich meine Zähne in Ordnung bringen ließ (...) zeitweise war der Schmerz so heftig, dass ich kaum die Tränen unterdrücken konnte."

Den Opernfreunden am Nebentisch (einer davon wohl Wagnerianer) blieb das Lachen ein wenig im Halse stecken, sie spülten es mit reichlich 2011er Weißburgunder & Chardonnay von Johner aus Baden hinunter, was eine so schlechte Idee ja auch nicht war.

Nach dem höchst zarten US-Wagyu-Beef (Schulter gebraten, Tafelspitz glasiert, Tatar) mit glasierter Ingwermöhre und Trüffeljus (ohne den das Gericht auch funktioniert hätte), trug Tidof das Kapitel "Das französische Duell" derart amüsant-intensiv vor, dass die Gäste der Davidoff Tour sowohl die Gestalten der beiden Kontrahenten Gambetta und Fourtou vor und ob der höchst schwierigen Wahl der Waffen – von Äxten, Mitrailleusen (ein Schnellfeuergewehr, montiert auf einer Lafette) "auf fünfzehn Schritte", Büchsen, doppelläufigen Schrotflinten und Marinerevolvern bis zu "Ziegelbrocken auf dreiviertel Meilen" – Tränen in den Augen hatten.

Sollte jemand Twains "Bummel durch Europa" noch nicht gelesen haben, sei ihm das dringend anzuraten. Oder besser: eine von Tidofs Lesungen besuchen, die in diesem Jahr noch stattfinden (Termine auf www.max-tidof.com)

Ach ja, des Steuerberaters Rock ’n’Roll bin ich noch schuldig: Den Steinbutt verpasste er, weil er sich zusammen mit seiner Begleitung auf die (inzwischen von Kerstin Bodendorf mit Rosenblättern und Kerzen dekorierte) Suite zurückgezogen hatte – um der Angebeteten dort einen Heiratsantrag zu machen, was die Betroffene aber nicht wusste.

Die Gäste bekamen diese Geschichte nur deshalb mit, da Fotografin Petra Stadler (sie begleitet die Tour seit Jahren), dies dokumentierte. Versehen mit einem Generalschlüssel wartete sie im Badezimmer (ohne Licht) auf den entscheidenden Moment, den sie fast verpasst hätte, da exakt in diesem Augenblick draußen ein Zug vorbeifuhr. Es hat dann doch funktioniert – und das Paar wurde, als es zum Fleischgang wieder im Restaurant erschien, mit herzlichem Applaus empfangen. Die Herzdame hat den Antrag übrigens trotz – oder vielleicht wegen (?) – der ungewöhnlichen Begleitumstände angenommen.

Mehr über Michael Tempel und seine Arbeit unter www.text-tempel.de

(Fotos: P.Stadler/Davidoff Tour Gastronomique)

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