Kolumnen

Der Mann und sein Pudding Suzanne von Borsody liest auf Burg Schwarzenstein

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Michael Tempel ist seit 30 Jahren für Reise- und Lifestyle-Magazine unterwegs. 2006 entwickelte er das "Gault Millau Magazin", das er mehr als zwei Jahre leitete. Von 2011 bis 2013 war er Chefredakteur der deutschen und österreichischen Ausgabe des Magazins "Falstaff". Sein Faible sind (kulinarische) Entdeckungen. Und die Menschen, die dahinter stehen.

Sie müssen sich das so vorstellen: Der moderne Restaurantpavillon auf Burg Schwarzenstein im Rheingau, festliche Abendstimmung, Dämmerung über den Weinbergen, Kerzenlicht, Leinentischtücher, geräucherter Silberlachs mit Felchenkaviar, dazu einen 2009er Primus Maximus Riesling Spätlese trocken vom Weingut Nikolai in Eltville, kultivierte Tischgespräche. Auf der kleinen improvisierten Bühne die Schauspielerin Suzanne von Borsody, die an diesem Abend der „Davidoff Tour Gastronomique“ aus Werken von Keto von Waberer und Peter Bichsel vorliest.

Andächtiges Schweigen bei einer von Bichsels Kindergeschichten, die – dem Abend entsprechend – auf einem für sonst gängige meist literaturfreie kulinarische Veranstaltungen (dazu zähle ich auch die Vorstellung von Kochbüchern) recht hohen Niveau liegen. Bei Seezunge, Trüffel und Kohlrabi und einem 2005er Pinot Gris der Domaine Weinbach gepflegtes Rekapitulieren des Gehörten, die Lebenserfahrung der Tischgenossen wabert (ein Kalauer im Vorgriff auf die nächste Autorin) quasi um den Kandelaber.

Der Stimmungsumschwung bahnt sich mit Keto von Waberer an, aus deren Buch „Vom Glück, eine Leberwurst zu lieben“ Suzanne von Borsody nun liest. Da geht es zunächst um die unbändige, ungezähmte Fleischeslust, die Küchenchef Suzanne von Borsody mit Küchenchef Sven Messerschmidt zunächst elegant mit den sonst oft so völlig zu Unrecht verschmähten Sot-l’y-laisse, den Pfaffenschnittchen (der Klerus wusste ja immer schon, was die besten Stücke sind) mit Steinpilzen und Pfirsich bediente und anschließend mit einem höchst zarten Taunusreh mit Sellerie und Gänseleber, begleitet von der 2005er Cuvée Caroline vom Schlossgut Diel an der Nahe, zu einem Höhepunkt an Befriedigung führte. (Wem der Satz zu lang ist, muss eben noch mal lesen).

Bis dahin lief der Abend für mich ausgezeichnet. Ich muss an dieser Stelle erwähnen, dass meine Tischdame zugleich auch die meines Herzens ist und den Gästen des Abends dank ihrer einführenden Moderation hinlänglich bekannt. Suzanne von Borsody liest also nun im Hinblick auf das zu erwartende Dessert den Titel der nächsten Geschichte Keto von Waberers vor: „Wackelpeter. Der Mann und sein Pudding.“

Das ist zwar durchaus lustig, rechtfertigt meiner Ansicht nach aber keinesfalls ein derart lauter Lachanfall meiner Tischdame. Es ist auch nicht wirklich komisch, wenn sich einem sämtliche Gesichter zuwenden und die Vortragende auf der Bühne nicht weiter lesen kann. Ich versuche die Situation mit einem etwas gequälten Lächeln irgendwie zu retten, fasle etwas von Metabolic Balance und Wohlfühlgewicht und werde Suzanne von Borsody für den Rest meines Lebens dankbar sein, dass sie mit Raum füllender Stimme den Text zu lesen begann. Den ich nicht einmal mehr bruchstückhaft in Erinnerung habe.

Mehr über Michael Tempel und seine Arbeit unter www.text-tempel.de

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