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Haute Cuisine auf der Piste Ladinische Hüttentour in Alta Badia

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Michael Tempel ist seit 30 Jahren für Reise- und Lifestyle-Magazine unterwegs. 2006 entwickelte er das "Gault Millau Magazin", das er mehr als zwei Jahre leitete. Von 2011 bis 2013 war er Chefredakteur der deutschen und österreichischen Ausgabe des Magazins "Falstaff". Sein Faible sind (kulinarische) Entdeckungen. Und die Menschen, die dahinter stehen.

Das Südtiroler Hochtal Alta Badia mit den Orten Corvara, Badia, La Villa, San Cassiano und Colfosco gilt gemeinhin als Ziel für Ski-Gourmets, was sich sowohl auf das weitläufige Skigebiet wie auch auf das kulinarische Angebot bezieht. Immerhin zieren das Tal vier Michelin-Sterne, was sonst im Skizirkus der Dolomiten nicht vorkommt.

Nun sind Haute pression auf den Pisten (immerhin hat man Anschluss an die „Sella Ronda“) und Haute cuisine im Tal nicht mehr unbedingt jedermanns Sache, vielmehr wächst die Sehnsucht nach Ruhe, Gemütlichkeit und Authentizität. Diesem Bedürfnis Rechnung zu tragen fällt den Ladinern nicht schwer, schließlich sind sie stolz auf ihre Kultur, sprechen eine eigene Sprache und sind schlau.

Zu den Orten La Villa und Badia gehört nämlich ein kleines, wenig überlaufenes, gerade für Familien ideales Skigebiet an den Hängen des Gardenaccia und unterhalb des Kreuzkofels, die so genannte Skitour Santa Croce (Foto rechts). Es hatte bisher den Nachteil, dass es an das restliche, viel mehr befahrene Gebiet nicht mit einem Lift angeschlossen war. Man musste also tatsächlich die Skier abschnallen und eine Straße Santa Croce in Alta Badiaüberqueren, um dorthin zu gelangen. Seit geraumer Zeit ist das passé, mit dem neuen Sessellift „Colz“ schwebt man über La Villas Hauptstraße hinweg und kann die Skier anbehalten.

Dieses Skigebiet hat zudem den Vorteil, dass es dort acht kleine, ruhige Hütten gibt, deren Wirte nach den nicht nur bei einem romanischen Bauernvolk üblichen Streitereien schließlich beschlossen, sich gemeinsam zu präsentieren. Da die Ladiner wie jedes anständige Volk auch über eine eigene Küche verfügen, gibt es nunmehr also die neue „Skitour Gourmet Santa Croce“, inklusive eigenem Prospekt.

Man muss das „Gourmet“ nicht allzu wörtlich nehmen, bei den Spezialitäten handelt es sich um einfache ladinische Gerichte wie „Panicia y turtres“, Gerstensuppe mit einer Art Pastete, gefüllt mit Spinat, Topfen oder Sauerkraut, oder gegrillte Würste, Wild, diverse Knödel, Pasta, Kaminwurzen und Speck. Alles frisch mit heimischen Produkten zu günstigen Preisen zubereitet, sozusagen als rustikaler Kontrapunkt zur feinen Sterneküche im Tal.

Zwei Tage sollte man sich schon Zeit nehmen für diese Tour – vier Hütten sind nur mit Skiern zu erreichen, die anderen auch mit dem Auto. Unbedingt zu empfehlen ist die „Ütia La Crusc“ – Ütia ist das ladinische Wort für Hütte – direkt unterhalb des Kreuzkofels. Sie liegt auf 2045 Metern Höhe neben dem Wallfahrtskirchlein Heilig Kreuz und wird von Erwin Irsara bewirtschaftet. Der 62-Jährige lebt seit 51 Jahren hier oben, bereitet einen extraordinären Kaiserschmarrn zu und hilft im Sommer nebenbei als Messdiener aus.

Südtiroler KnödelVon diesem höchsten Punkt der Skitour passiert man auf breiten Pisten binnen kurzem die „Ütia Leè“ (Grillgerichte) und die „Ütia Nagler“ (Pastapfanne), etwa in der Mitte der Heilig-Kreuz-Abfahrt ins Tal befindet sich die „Ütia L’Tama“. Entweder man probiert dort Martin Frenners „Bis di gnocchi con crauti“ (zweierlei Knödel auf Weißkraut), oder man schnallt direkt gegenüber am Pistenrand ab. Dort nämlich wartet der Pferdeschlitten-„Shuttle“, der die Gäste in die „Ütia Oies“ bringt. Die ist insofern bemerkenswert, da sich in einer der beiden Stuben im Laufe der Jahre etwa 500 Teddybären eingefunden haben und die andere eine Vielzahl von kleinen Hexen beherbergt. Wer dort den „Hexenteller“ ordert, wird eine kleine Überraschung erleben, die man als Souvenir ebenso gern mit nach Hause nimmt wie die Erfahrung der Haute qualité dieser Hüttentour.

Mehr über Michael Tempel und seine Arbeit unter www.text-tempel.de

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