Kolumnen

Ich bezwetschige mich vor jedem Obstgarten Miroslav Nemec serviert im Landhaus Kuckuck schwere Kost

spacer

Michael Tempel ist seit 30 Jahren für Reise- und Lifestyle-Magazine unterwegs. 2006 entwickelte er das "Gault Millau Magazin", das er mehr als zwei Jahre leitete. Von 2011 bis 2013 war er Chefredakteur der deutschen und österreichischen Ausgabe des Magazins "Falstaff". Sein Faible sind (kulinarische) Entdeckungen. Und die Menschen, die dahinter stehen.

Wenn einer wie Miroslav Nemec (Foto rechts) seit gefühlten 50 Jahren den Münchner Tatort-Kommissar Ivo Batic spielt, dann erwartet man bei einem Abend der „Davidoff Tour Gastronomique“ im Restaurant "Maitre" des Landhaus Kuckuck in Köln-Müngersdorf allenfalls eine literarische Kostprobe in Sachen Mord oder ähnlich Verbrecherisches. Wer den gebürtigen Kroaten und leidenschaftlichen Jaguarfahrer allerdings kennt, der weiß, dass er erstens ein ausgezeichneter Musiker und Sänger und zweitens ein tiefgründiger Kabarettist ist.

Davon freilich ahnten die meisten Gäste im Kölner „Landhaus Kuckuck“ nichts, als Sterne-Koch Erhard Schäfer (Foto rechts, stehend) Bretonische Hummer mit dreierlei Blumenkohl, Salatherzen und Anapurna-Curry, der eine wunderbare Schärfe im Nachklang hat, servierte - zusammen mit einem fruchtigen 2009er Chardonnay von La Tunella aus dem Friaul.

Nemec ist das, was man auf gut bayrisch als – im positiven Sinne – hinterfotzig bezeichnet, denn mit Heinz Erhardts  „Kabeljau“ („Das Meer ist weit, das Meer ist blau, im Wasser schwimmt ein Kablejau“) oder der „Rache des Kanalarbeiters“ („Dunkel wars, der Mond schien fahl, da stieg ein Mann aus dem Kanal“) begann er geradezu harmlos. Quasi ein dramaturgisches Warm-up.

Nach á point gebratenem Steinbutt auf Champagnerkraut mit glasierten Trauben und beurre rouge, begleitet von einem 2009er Châteauneuf du pape blanc von La Roquette, sowie einer hervorragenden Trilogie von der Gänsestopfleber mit Feigenbrioche (und einem 2008er Maximin Grünhäuser Abtsberg Riesling Auslese Nr. 149 von Carl von Schubert an der Ruwer) machte Nemec Ernst.

Erhard Schäfer und Miroslav NemecJandl. Experimentelle Lyrik und konkrete Poesie. Erstere fliegt einem nur phonetisch um die Ohren – was Nemec mit sichtlichem Vergnügen ausnutzte. Letztere ist auch nicht ohne, wie etwa „suchen wissen“:

Ich was suchen - ich nicht wissen was suchen - ich nicht wissen wie wissen was suchen - ich suchen wie wissen was suchen -

ich wissen was suchen - ich suchen wie wissen was suchen - ich wissen ich suchen wie wissen was suchen - ich was wissen.

So schnell wie möglich vorgetragen, versteht sich. Auswendig. Noch vor Erhard Schäfers superzartem Eifeler Rehrücken mit Essigkirschen, Pfifferlingskuchen und Sellerie, herzhaft unterstützt von einem trockenen Spätburgunder, einem 2005er Assmannshäuser Höllenberg aus dem Rheingau von August Kesseler.

Schließlich noch ein wenig aus Ernst Jandls Gedichtband „Laut und Luise“ mit dem berühmten „Ich bezwetschige mich vor jedem Obstgarten“, außerdem noch das Jandl-must „Ottos Mops“ und mein persönlicher Favorit „the flag“:

A fleck - on the flag - let’s putzen / a riss - in the flag - let’s nähen - where’s the nadel / now - that’s getan - let’s throw it - werfen / into a dreck / that’s a zweck.

Am Piano spielte Nemec Lieder von Rio Reiser, taucht mit selbst vertonten Gedichten von H.C. Artmann („med ana schwoazzn dintn“) tief in die Wiener Melancholie. Damit die Gäste aber nach dem Dessert  aus mit Karamell gefüllter Vanillemousse, Erdnuss-Krokant-Eis, Valrhona-Schokoladen-Canache und Walderdbeeren nicht in völlige Depression verfielen, hatte er noch ein paar Bosnierwitze auf Lager. Und erzählte bei Digestif und Zigarre von seiner Chemielehrerin, die den Spitznamen „Schwammerl“ trug und schuld ist am Titel seines Kabarett-Programms. „Die sagte immer“, so Nemec, „’nehmets Platz, nehmets Hefte raus’“.  Das Programm heißt „Nemec Platz“.

Mehr über Michael Tempel und seine Arbeit unter www.text-tempel.de

Marktplatz I

Neuste Artikel


Top Kochen

Top Restaurants

Top Reise

Top Wein