Kolumnen

"Ich habe mich hochgeschlafen" Armin Rohde über Größenwahn und Lampenfieber

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Michael Tempel ist seit 30 Jahren für Reise- und Lifestyle-Magazine unterwegs. 2006 entwickelte er das "Gault Millau Magazin", das er mehr als zwei Jahre leitete. Von 2011 bis 2013 war er Chefredakteur der deutschen und österreichischen Ausgabe des Magazins "Falstaff". Sein Faible sind (kulinarische) Entdeckungen. Und die Menschen, die dahinter stehen.

Wenn einer wie Armin Rohde eine Lesung macht, dann artet das aus. In Theater. Der Mann kann einfach nicht anders, man bezeichnet das gemeinhin als Vollblutschauspieler oder Rampensau. Der bzw. die legt sich dann im 2-Sterne-Gourmetrestaurant „Überfahrt“ längs auf jenes Tischchen, das ihm eigentlich als Buchunterlage dienen sollte und demonstriert, dass man auch aus kleinen Rollen etwas machen kann, schreckt also etwa als Räuber Grimm aus dem Tiefschlaf hoch, sieht sich um, marschiert im preußischen Stechschritt auf und ab und ruft – nicht ganz rollengemäß – „Hauptmann, mein Hauptmann.“

Zu diesem Zeitpunkt hatten die Gäste der Davidoff Tour Gastronomique bereits einiges intus – nicht nur kulinarisch. Los ging’s mit Armin Rohde in der „Villa am See“ in Tegernsee. Am Wasser, mit Champagner Bollinger Special Cuvée Brut (spendiert von Grand Cru Select) und germanischem Selbstverständnis. „In Deutschland ist es verpönt, wenn man von sich als Schauspieler sagt: ‚Ich bin gut, ich weiß, dass ich was kann.’ Genehmigt und sympathisch gefunden wird eher, wenn der Schauspieler wie ein Zehnjähriger mit ungläubigem Blick verblüfft fragt: ‚Ganz ehrlich? Sie finden mich tatsächlich gut? Ihnen gefällt, was ich mache?’ Und wenn der Schauspieler es schafft, dabei noch ein ganz klein wenig rot zu werden – prima, umso besser. Stellen Sie sich das Gleiche bitte bei dem Chirurgen vor, der Ihnen den Blinddarm entfernt hat, oder bei dem Mann, der gerade Ihren Fernseher repariert hat.“

Armin Rohde und Christian JürgensArmin Rohde las aus seinem Buch „Größenwahn und Lampenfieber“, dazu gab’s als Amuse-gueule mit Davidoff-Tabak geräucherte Gänsestopfleber, Jakobsmuschel mit Roter Alge und ein pikantes Tatar vom Ostiner Rind, Kaisersenf und Austernkraut. In der Küche der „Villa am See“ ist jetzt Martin Rehmann zuständig, zusammen mit seinem Souschef Marc Mueller.

Zur nächsten Tour-Station nach Rottach-Egern ging’s per Jaguar-Shuttle: Das Menü bei Christian Jürgens (Foto rechts mit Armin Rohde) in der „Überfahrt“ begann mit „Unserer Tomate“, jene inzwischen schon berühmte gestockte Gazpacho mit rot schillernder Ummantelung in Form einer Tomate, dazu ein Gemüseauszug und ein ausgesprochen weich-eleganter 2009er Riesling pur Mineral trocken vom Weingut Rudolf Fürst. Der 2009er Pouilly Fumé von Jonathan Pabiot begleitete den zweiten Gang, „Lieu Jeune“, was sich als Pollack (eine Dorsch-Art) mit Schneckenragout und Kräuterfond herausstellte. Warum der Gang diesen Namen trug, hat sich mir nicht erschlossen oder ich habe ihn mit „jugendliche Stätte“ einfach nur verkehrt übersetzt.

Das mochte an dem jugendlichen Schwung liegen, mit dem Rohde – Jahrgang 1955 – die Gäste über Anfänge aufklärte: „Ein junger Schauspieler muss viel einstecken können. Bei einer Theaterprobe kann ein Regisseur durchaus Sätze fallen lassen wie: ‚Du stehst da rum wie ein Sack Zement!’, ‚Du latscht wie ein schwangerer Dackel’, ‚Du spielst einen starken, selbstbewussten Eroberer. Was ich sehe, ist ein Weichei, ein armes Würstchen.’ Besonders ermutigend sind solche Ansagen, wenn man Liebesszenen zu spielen hat. Ein Spielführer, der zu einem Schauspieler sagt: ‚Gib dich mal erotischer, mach das mal sexy!’, kann einen in die Knie zwingen, besonders in Gegenwart der anzuspielenden Partnerin.“

Armin Rohde mit ZigarreIn kulinarischer Hinsicht gelang dies Christian Jürgens höchst souverän, seine „Kartoffelkiste“ – mit flüssigem Ei gefüllter Kartoffelwürfel, Perigord-Trüffelmousseline, Trüffelsalat und Madeira-Jus – war zum Niederknien. Bei „Des Bauern Stolz“ hingegen outeten sich manche Gourmets als recht oberflächlich, denn sie rümpften ob der der geschmorten Kalbsbacke beigefügten Zungenscheibe die Nase. Auch dieser Gang war köstlich, auch wegen der in Salz gebackenen Sellerie und den Shiitake-Pilzen. Nicht zu vergessen den 2003er Clos de L’Oratoire vom nordöstlichen Plateau von Saint-Emilion. Krönender kulinarischer Abschluss: die Zitrone „Edition 2008“, Jürgens’ berühmte kandierte, mit Eis gefüllte Amalfi-Zitrone, die er 2008 erfunden hatte. Perfekt mit dem 2006er Rüdesheimer Berg Roseneck Riesling Auslese Goldkapsel aus dem Rheingau vom Weingut August Kesseler.

Da in der Überfahrt nicht geraucht werden darf, zog die Gesellschaft geschlossen in die Egerner Höfe um die Ecke. Dort ließ Küchenchef Achim Hack Laugenstangenchips mit Tegernseer Obazdem auffahren, plus dreierlei Schokoladentarte – Caramel mit Erdnüssen, dunkle Schokolade mit arabischen Gewürzen und Kaffee sowie dunkle Schokolade mit Curry und Cacao-Bohnenbruch. Armin Rohde schließlich verriet zu später Stunde das Rezept seines Erfolgs: „Ganz ehrlich? Ich habe mich hochgeschlafen! Sagen Sie’s bitte nicht weiter, und es bleibt unser süßes, kleines Geheimnis.“ PS: „Größenwahn und Lampenfieber“ von Armin Rohde ist bei rororo erschienen.

Mehr über Michael Tempel und seine Arbeit unter www.text-tempel.de

(Fotos: © P.Stadler/Davidoff Tour Gastronomique)

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