Kolumnen

Burger, Shows und Plastikflöten Kulinarisch-kulturelle Notizen aus New York

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Michael Tempel ist seit 30 Jahren für Reise- und Lifestyle-Magazine unterwegs. 2006 entwickelte er das "Gault Millau Magazin", das er mehr als zwei Jahre leitete. Von 2011 bis 2013 war er Chefredakteur der deutschen und österreichischen Ausgabe des Magazins "Falstaff". Sein Faible sind (kulinarische) Entdeckungen. Und die Menschen, die dahinter stehen.

Es ist ja nicht so, dass die Metropolitan Opera ein drittklassiges Vaudeville-Theater wäre, in dem ein leutseliges Publikum einer Gesangsdarbietung leicht bekleideter Mädchen zujohlt und dabei Perlwein aus Plastikgläsern trinkt. Nein, in der MET spenden edelmütige Mitglieder hohe zweistellige Millionen-Dollar-Beträge, damit die Tosca mit einem zu Recht umjubelten Jonas Kaufmann aufgeführt werden kann (auch wenn sie von Luc Bondy inszeniert wird).


Einige Zuschauer speisen in den beiden mehr als halbstündigen Pausen unter einem riesenhaften Wandteppich von Chagall, der tagsüber verhüllt ist, damit die Sonne die Farben nicht ausbleicht. Zweifellos lässt sich der kulturelle Stellenwert einer Nation nicht zuletzt an den Bars des berühmtesten Opernhauses des Landes ablesen. Der Veuve Clicquot Ponsardin Rosé, Taittinger oder Bollinger endet nämlich keineswegs in einem Champagnerglas. Sondern in einer Sektflöte aus Plastik. Unwillkürlich denkt man an die Bierbecher im Fußballstadion, wegen der Verletzungsgefahr. Dabei darf man das Gefäß gar nicht mit in den Zuschauerraum nehmen, um sie auf indisponierte Akteure zu werfen; abgesehen davon würden sie nicht so weit fliegen.


broadwayWer lieber eine Broadway-Show besucht (etwa A Little Night Music von Stephen Sondheim mit einer erstaunlichen Catherine Zeta-Jones), dem sei das Orso in der 46. Straße schräg gegenüber dem Walter Kerr Theatre ans Herz gelegt. Dort legt bei Mozzarella mit gebratener roter Paprika und Basilikum oder gefüllter Wachtel in Marsala-Sauce auch Adrian Monk (alias Tony Shalhoub) sämtliche Phobien ab.


Apropos Broadway und Show: Das Cipriani am West Broadway zwischen Spring und Broome bietet nicht nur ein außergewöhnlich cremiges und dennoch leichtes Risotto, wunderbare Pasta mit Erbsen, Olivenöl und Butter, ein zartes Octopus-Carpacchio mit Fenchelstreifen sowie butterweiche dünne Kalbsleberstreifen mit Polenta, das Lokal ist auch eine Bühne für die Manhattan-Society. Die Show derer, die in der irrigen Annahme ihre Wohnung verließen, tatsächlich gut auszusehen, ist eine Wucht und unbedingt den Preis auf der Speisekarte wert. Man muss aufpassen, dass einem nicht der Bissen im Hals stecken bleibt. Vor lauter Fassungslosigkeit.


In dieser Hinsicht ebenfalls großartig ist die High Line im Meatpacking District. Die alten Gleise, die ursprünglich von den Schlachthöfen zur Penn Station führten und totes Fleisch beförderten, sind nunmehr eine Art begrünter Laufsteg in der dritten Etage und eignen sich ausgezeichnet für eine Fleischbeschau der unterhaltsamen Art. Hier trifft sich ein repräsentativer Querschnitt dessen, was in Manhattan auf der Straße unterwegs ist. Auf einer der Holzliegen lümmelnd, am besten mit Wein und Hummer aus dem nahen Chelsea Market, lässt sich so locker ein Tag verbringen. Mindestens.


Ein Bummel durch die nahen Galerien zwischen der 25. und 15. Straße ist mindestens ebenso inspirierend wie die Unterhaltung mit der ukrainischen Bedienung im The Red Cat, die zuhause „Internationale Politik" studiert hat und nun seit fünf Jahren in New York lebt. Den 2009er Pinot Noir auf der Karte kann man getrost vergessen, der 2008er Syrah hingegen war zum Burger nach Art des Hauses – zartes Rinderhack, medium gebraten, zwischen getoastetem Sesambrötchen mit Zwiebeln, Gurken, Tomaten, separatem Ketchup und Senf sowie Kartoffelchips und knusprigem Speck – ein sehr angenehmer Begleiter. Ich gestehe es gern, in den USA esse ich mit Vorliebe einmal am Tag einen Burger - im Restaurant. Grausame Erlebnisse eingeschlossen, wie das angekohlte flache geschmacksneutrale Fleischrund in einem nicht weiter erwähnenswerten Restaurant an der Madison Avenue.


burgerDer Miniburger im Soho House jedenfalls war mindestens eine Sünde wert und einer der wenigen Abende, an dem ich vegetarische Begleitung zu schätzen wusste. Das Soho House ist ein Privatclub für Künstler und Medienschaffende, in den man nur als Gast eines Mitglieds hineinkommt. Unten am Eingang stehen deswegen auch diverse Damen (und Herren), die fragen, ob man denn Member sei. Nein, nicht was Sie denken, es ist ein seriöser Club. Mit eigenem Dachgarten inklusive Pool, eigenem – ausgezeichneten – Restaurant ein Stockwerk darunter, eigenem Kino (ein Stockwerk tiefer, mit breiten Ledersesseln, inklusive Restaurant-Service) und eigenem Spa. Demnächst wird ein Soho House in Berlin eröffnet ...

Im selben Gebäude befindet sich übrigens auch Jean-Georges Vongerichtens Spice Market, dessen Besuch sich unbedingt lohnt, denn seine asiatischen Aromenkreationen sind Atem beraubend, die frittierten Tintenfische mit Cashewkernen und Melone etwa, oder das butterzarte Entencurry. Da stört es dann auch nicht weiter, wenn am Nachbartisch die Mädels den Schampus aus der Flasche trinken. Immerhin, nicht aus der Plastikflöte.

Mehr über Michael Tempel und seine Arbeit unter www.text-tempel.de

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