Kolumnen

Die im Dunkeln schmeckt man nicht Blindverkostung wörtlich genommen

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Michael Tempel ist seit 30 Jahren für Reise- und Lifestyle-Magazine unterwegs. 2006 entwickelte er das "Gault Millau Magazin", das er mehr als zwei Jahre leitete. Von 2011 bis 2013 war er Chefredakteur der deutschen und österreichischen Ausgabe des Magazins "Falstaff". Sein Faible sind (kulinarische) Entdeckungen. Und die Menschen, die dahinter stehen.

Normalerweise läuft das bei einer Blindverkostung so: Aus einer Karaffe bekommt man einen Wein ins Glas, beurteilt die Farbe, schnüffelt das Bukett, lässt den Tropfen um die Zunge über den Gaumen rollen und gibt dann seine Erkenntnisse zum Besten. "Ich finde rote Früchte, Brombeere vor allem, dazu auch Mango, und Pfeffer ... roter Pfeffer. Mächtiger Körper und die Tannine so wunderbar eingebunden, dazu dieser sagenhafte Nachhall, und diese Reife, kein Zweifel, das ist ein Cabernet Sauvignon aus Chile.“ Oder so ähnlich. Menschen, die (semi-)professionell Wein verkosten, sagen nie einfach nur „schmeckt großartig“ oder „geht gar nicht.“

Noch interessanter wird so eine Blindverkostung, wenn man sie wörtlich nimmt. Soll heißen, man probiert die Tropfen in völliger Dunkelheit. So geschehen kürzlich anlässlich der Vorstellung von Weinen aus Frankreichs Südwesten im Kellerraum des Foyer-Restaurants am Münchner Oberanger.

Wir sind sieben Fachleute und drei Journalisten, die mit schwarzen Flugzeugschlafbrillen auf den Augen die Kellertreppe hinabsteigen, zum Eingewöhnen. Unten steht Hans, der seit seinem zweiten Lebensjahr blind ist, und geleitet uns zu den Plätzen. Ohne Brille ist es noch finsterer. „Sie finden vor sich eine Flasche Mineralwasser, ein Glas, einen Spuckeimer und links ein leeres Weinglas.“ Die Stimme gehört Seminarleiter Axel Biesler, Sommelier und Fachautor. Während sich die einzelnen Teilnehmer kurz vorstellen – Vornamen, Job und Grund der Anwesenheit genügen im Finstern – gelingen die ersten blinden Versuche, ein Glas Wasser einzugießen. Man muss nur den Finger ins Glas halten, dann geht nichts daneben.

mann mit schlafmaskeHans serviert kleine Tableaus mit vier verkorkten Fläschchen. Ein Mini-Tablett mit Vertiefungen, an einer Seite mit einem Griff. Der Griff muss zu mir zeigen, dann steht das Tableau richtig, um im Uhrzeigersinn zu testen.

Das erste Fläschchen gluckert unfallfrei ins Glas. Wahrlich, ein betörender Duft. Das muss ein Weißwein sein, wahrscheinlich ein Sauvignon blanc.
„Interessant, auf jeden Fall ein Weißwein“, sagt Peter, „könnte ein Chardonnay mit noch was sein.“
„Stachelbeere, ich finde Stachelbeere, sehr fruchtig“, sagt Andi.
Der Rest schließt sich mehr oder weniger an.


Nun muss man wissen, dass es im Südwesten noch mehr autochtone – also nur hier vorkommende – Rebsorten als sonst wo gibt.
Axels Stimme löst das Rätsel – es ist ein 2009er Colombard und Ugni blanc von der Domaine Uby aus der Gascogne.
Aha, Colombard und Ugni blanc. Noch nie gehört von diesen Rebsorten. Schmeckt aber gut. Habe ich vorher bereits probiert, am Stand des Weinguts. Leider scheint mein Geschmacksgedächtnis entweder nicht zu funktionieren oder an die Augen gekoppelt zu sein.


Der zweite Wein. Vermutlich wieder ein Weißer. Ich finde ihn ziemlich langweilig.
„Interessant, auf jeden Fall ein Weißwein“, sagt Andi, „ich finde eine Spur von Stachelbeere, sehr elegant, wunderbar eingebundene Säure.“
„Könnte ein Gaillac sein oder eine Cuvée“, sagt Pierre mit sehr französischem Akzent. Wahrscheinlich hat er ein Heimspiel und wollte nicht gleich beim ersten Wein alle einschüchtern.
„Ah, ein Gaillac“, sagt Axels Stimme, „sehr spannend. Noch Meinungen?“
Schwarzes Schweigen oder unverständliches Gemurmel.


Axel löst auf, wie er das formuliert. Es handelt sich um einen 2008er Xuri von La Cave Irouleguy. Noch Fragen?
Ja?
Ach, die Trauben, Petit Manseng und Gros Manseng.
Aha.
Das Anbaugebiet liegt hoch in den Pyrenäen, an der Grenze zu Spanien.

rotweinBeim dritten Wein reden fast alle gleichzeitig.
„Das ist ein Weißwein, eine Cuvée, mit Sicherheit Chardonnay dabei.“
„Aber nein, das ist ein Rosé, allein schon das elegante Bukett. Und diese Frische.“
„Ich glaube, wir haben hier einen sehr feinen, eleganten Rotwein, sehr dezente Gerbstoffe, kein Holz. Der kommt jung aus dem Stahltank.“

Axels Grinsen ist nahezu hörbar.
Es ist ein Weißwein, ein 2008er Saint Mont von Producteurs Plaimont. Der mit der Cuvée lag richtig. Nur bei den Trauben nicht. Gros Manseng, Petit Courbu und Arufiac.
Aha.
Nun ja, nicht schlecht, aber so zum wegtrinken ist der Wein nichts. Dafür ist er zu anspruchsvoll.

Bei den Rotweinen ergeht es uns nicht viel anders. Andi findet auch hier sehr viele Spuren von Stachelbeere. Immerhin, den 2006er Malbec vom Château de Mercures haben ein paar herausgeschmeckt. Und beim 2002er Arte Benedict von Plaimont war neben Tannat und Fer Servadou auch Cabernet Sauvignon drin. Axel sagte zwar Syrah, musste sich anschließend aber korrigieren. Hab ich mir doch gleich gedacht. Ein guter Wein, schmeckt großartig.

Mehr über Michael Tempel und seine Arbeit unter www.text-tempel.de

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