
Michael Tempel ist Journalist und Autor. Seit 25 Jahren ist er für Tageszeitungen, Reise- und Lifestyle-Magazine unterwegs. 2006 entwickelte er das GaultMillau Magazin, das er mehr als zwei Jahre als Chefredakteur leitete. Seit 2011 ist er für die deutsche Ausgabe des Magazins Falstaff verantwortlich. Sein Faible sind (kulinarische) Entdeckungen. Und die Menschen, die dahinter stehen.
Was für ein Auftakt: Ein Weinkeller aus dem 17. Jahrhun- dert, flackerndes Kerzenlicht, Thunfischbällchen mit Rettich, Wachtelschenkel mit Linsen, Frischkäsepralinen in Tomatenmarmelade und Mülheimer Rieslingssuppe. Dazu spritzig-trockener hauseigener Winzersekt.
Zur zweiten Station der „Davidoff Tour Gastronomique“ mit Partner Jaguar im Weinromantikhotel Richtershof kam 3-Sterne-Koch Klaus Erfort für ein kulinarisches Gastspiel von der Saar an die Mosel. Ich wage die Behauptung, dass einer der besten Küchenchefs Deutschlands für viele Gäste der Tour der Grund war, anzureisen. Dass der Schauspieler Ralf Bauer und der Musiker Pat Fritz ebenfalls als Gastgeber fungierten, dürfte vor diesem Abend für die meisten den Nun-ja-dann-schauen-wir-mal-Effekt gehabt haben.
Doch bereits vor dem ersten Gang im alt-ehrwürdigen Rosensaal mussten sie verblüfft feststellen, dass sie hier nicht nur in einen außergewöhnlichen kulinarischen, sondern auch in einen literarisch-amüsanten Event geraten waren. Ralf Bauer nämlich ließ in seiner Begrüßung gleich Goethes „Faust“ auf sie los und etwas vom später folgenden Improvisationstheater durchblicken. Bat er doch sein Publikum um die Antwort auf die Frage „Mein schönes Fräulein, darf ich wagen, meinen Arm und Geleit Ihr anzutragen?“ Das jedoch schwieg, woraufhin Bauer es lieber mit leichterer Kost versuchte und mit Heinz Erhardts „Warum sind die Zitronen sauer?“ zum ersten Gang überleitete.
Erforts inzwischen legendäre Gänsestopfleber mit gepfefferter Ananas und gerösteten Mandeln war Genuss pur, zumal sie mit dem 1999er Bernkasteler Lay Riesling Auslese Goldkapsel vom Weingut Dr. Loosen (dessen Hausherr es sich ebenfalls schmecken ließ) ausgezeichnet harmonierte.
Nach dem Bretonischen Hummer mit Erbsen, Spargel und Morcheln und einer 1981er Wehlener Sonnenuhr vom selben Weingut griff Pat Fritz zur Gitarre. Zu Patrick Süskinds Kontrabassisten spielte er „Every breath you take“ und füllte mit seiner kraftvollen Stimme den Raum, zu Ringelnatz’ Ameisen gab’s eine Eigenkomposition, zwischendurch begeisterte Bauer mit klassischem und modernem Repertoire und gab zu, die Begabung zu besitzen, „alles einmal Gelernte auf seiner Festplatte“ – deutet auf seinen Kopf – „abspeichern zu können“, dafür vergesse er allerdings so manches Alltägliche.
Seit drei Jahren treten die beiden mit ihrem Impro-Stand-up-Programm auf. „Anfangs wollte ich vorher immer proben“, sagt Pat Fritz, „aber Ralf macht das alles spontan, er will Gefühle umsetzen.“ Was genau damit gemeint ist, bekamen die Gäste nach dem perfekt gegarten Medaillon vom Steinbutt mit Auberginen und aromatischem Muschelsud sowie dem geradezu unglaublich zarten Maibock mit Szechuan Nespoli und Shii-Take zu hören.
Die beiden Protagonisten machten anhand eines Liebesgedichts von Hermann Hesse klar, wie unterschiedlich Worte zu „falscher“ und „richtiger“ Musik klingen. Zu Rilkes „Lösch mir die Augen aus“ spielte Fritz Australiens bekanntestes Volkslied „Waltzing Matilda“. Dann wieder Goethe, diesmal emotional. Bauer rezitierte einige Zeilen, unterbrach und forderte vom Publikum Anweisungen, „Emotion!“ Entsprechend wechselte er von „Zorn“ über „Angst“ und „Lust“ bis zur „Eifersucht“ und stellte damit eindrucksvoll unter Beweis, dass gut aussehende Schauspieler häufig unterschätzt werden.
Pat Fritz, dessen Stimme an Chris Rea erinnert, intonierte Claptons „Tears in heaven“, Bauer brillierte mit Kleist, Ringelnatz und einem phonetisch-anzüglichen englischen Text, den er angeblich in einer schottischen Kneipe gefunden hatte.
Klaus Erfort wiederum setzte mit seiner kleinen Variation vom Rhabarber mit Crème Brûlée einen amüsanten Schlusspunkt, als er das Eis mit Knallbrause garnierte. Mit diesem Abend hat die Davidoff Tour Gastronomique wieder einmal ihren einzigartigen Reiz eines kulinarisch-intelligenten Events in jeglicher Hinsicht bewiesen. Ich freue mich schon auf die nächste Station – am 27. Juni im BurgHotel Hardenberg mit Küchenchefin Katja Burgwinkel und Schauspieler Fritz Wepper.
Mehr über Michael Tempel und seine Arbeit unter www.text-tempel.de
