
Michael Tempel ist Journalist und Autor. Seit 25 Jahren ist er für Tageszeitungen, Reise- und Lifestyle-Magazine unterwegs. 2006 entwickelte er das GaultMillau Magazin, das er mehr als zwei Jahre als Chefredakteur leitete. Seit 2011 ist er für die deutsche Ausgabe des Magazins Falstaff verantwortlich. Sein Faible sind (kulinarische) Entdeckungen. Und die Menschen, die dahinter stehen.
Der 2-Sterne-Koch beherrscht die klassische französische Küche souverän und apostrophiert sie mit leichten mediterranen und regionalen Noten. Als Amuse-bouche die Gänsestopfleber mit Pfeffercroustillants und fruchtigem Aprikosengelee, dann der Hummer à point auf Estragoncrème mit ein wenig dominanten Grapefruitwürf- eln, zu dem Sommelier Christophe Mayer einen exzellenten 2008er Sauvignon Blanc & Sauvignon Gris vom Schloss Ortenberg ausgewählt hat. Und zum Steinbuttfilet mit Koriander-Fenchel und einer kräftigen Nage au Vin jaune ist der 2007er im Barrique ausgebaute Grauburgunder „Collection Royal“ der Oberkircher Winzergenossenschaft fast schon eine Offenbarung.
Wie Michael Mendl, wenn er liest. Aus Doris Dörries 1996 erschienenem Band „Samsara“ die Kurzgeschichte „Sushi für Paul“. Aber was heißt hier „er liest“ – der kleine Tisch mit der Leselampe, der Stuhl mit dem Sitzkissen, sie werden zur Bühne, denn Mendl spielt jede einzelne Rolle, schlüpft in jede Figur, verwandelt sich.
Wenn Paul sagt: „Ich hasse die Minuten bevor die Gäste kommen, wenn ich in meiner eigenen Wohnung sinnlos auf und ab gehe wie ein Tier im Käfig, mit nichts mehr wünsche als dass sie nicht kommen mögen, mich plötzlich danach sehne, mich im Pyjama mit einem Butterbrot in der Hand auf den Teppich zu legen und fernzusehen…“, dann sieht man diese Szene vor sich. Da wird selbst des Sushimanns roher Fisch vor dem geistigen Auge des Publikums plötzlich äußerst lebendig.
Das saftige, in der Mitte noch glasige Filet vom Loup de mer bewegt sich Gott sei Dank nicht auf dem Blattspinat, sondern badet sanft in einer fantastischen Pistouvinaigrette im tiefen Teller. Dazu passt der 2009er Weissburgunder ***SL von Alexander Laible aus der Ortenau perfekt. Das auf den Punkt gebratene Limousin-Lamm mit würziger Piment-d’Espelette-Kruste, Aubergine Bayaldi und Ziegenkäse-Pastilla kommt stilgerecht unter der Cloche an den Tisch. Und der 2007er Durbacher Bienengarten, ein im Barrique ausgebauter Spätburgunder von Andreas Männle, ist der Beweis für das oft angezweifelte deutsche Rotweinwunder.
Die Weinkarte generell ist so, wie man sie sich hier wünscht, mit starker Betonung der Region – in diesem Fall der Ortenau – und gleichzeitiger hervorragender Auswahl an deutschen und französischen Kreszenzen, abgerundet mit Spaniern sowie einigen „Exoten“ aus Ungarn, Bulgarien, Belgien, der Schweiz, Luxemburg und dem Libanon.
Küchenchef Martin Herrmann, dessen Handwerkskunst nun mit einem zweiten Stern geadelt wurde, ist sich der Konsequenzen durchaus bewusst: „Jetzt müssen wir schauen, dass er nicht gleich wieder weg ist.“ Immerhin betreut er bald fünf Restaurants, und das ist bei einem Ausflugsziel wie dem Hotel Dollenberg im oberen Renchtal durchaus eine Herausforderung. Um das Niveau zu halten, wäre er gut beraten, die Verantwortung zumindest für einen Teil des Tagesgeschäfts zu delegieren.
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