Kolumnen

Und ewig lockt "Le Club 55" Kulinarische Beobachtungen im berühmtesten Strandclub der Welt

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Michael Tempel ist seit 30 Jahren für Reise- und Lifestyle-Magazine unterwegs. 2006 entwickelte er das "Gault Millau Magazin", das er mehr als zwei Jahre leitete. Von 2011 bis 2013 war er Chefredakteur der deutschen und österreichischen Ausgabe des Magazins "Falstaff". Sein Faible sind (kulinarische) Entdeckungen. Und die Menschen, die dahinter stehen.

Schuld an der ganzen Sache ist Roger Vadim, so viel steht fest.  Der Regisseur fuhr 1953 mit seinem Jeep zufällig an der Hütte der Colmonts nahe dem Dorf St. Tropez vorbei. Und fand einen Platz, an dem sein Filmteam etwas zu essen bekam. Sie erinnern sich? „Und ewig lockt das Weib“. Brigitte Bardot am Strand. Skandal! „Le Club 55“ öffnete 1955, und – richtig - ist jetzt 55.

Zu essen bekommt man bei Patrice de Colmont immer noch was, wie damals als die Mama B.B., Curd Jürgens, Jean-Louis Trintignant & Co. bekochte. Unter den weißen Sonnensegeln sitzt an einfachen weißen Holztischen alles, was in dieser Welt reich, prominent, schön und bedeutend ist oder sich dafür hält. Man darf seine wahre Bedeutung allerdings daran ablesen, wenn man in der Hochsaison im August am Vormittag im „Cinquantecinq“ anruft und für mittags noch einen Tisch will – und den auch bekommt. Wie der Münchner Künstler Stefan Szczesny, der seit zehn Jahren in St. Tropez lebt und Patrice natürlich gut kennt. Patrice wiederum kennt sie alle, von Charles Aznavour bis Bruce Willis, von der Bardot bis zu Catherine Deneuve.

Der Club 55 ist der legendärste Strandclub des Planeten, was daran liegt, dass hier alle gleich behandelt werden. Alle! Heute sitzt ein paar Tische weiter Elton John mit seiner Entourage, Karl Lagerfeld (ebenfalls mit Entourage) kommt dazu. Nebendran stochert Valentino im Salat und irgendwann geht er rüber und küsst Karl den Großen auf die Wange.

Ach so, Ralph Lauren ist auch da, küsst Karl aber nicht, obwohl sie später alle zusammen auf den Holzplanken an den weißen Polstercouchen außerhalb des Restaurants vorbei zum Strand marschieren, aufs Schiff, klar. Nur die nicht ganz so bedeutenden müssen im Auto in der Schlange warten, bis ein Angestellter Zeit hat, den Wagen zu parken.

le club 55Apropos Restaurant: Der Hit ist die gewaltige Gemüseplatte, rohes Holz mit einem Berg Tomaten, Paprika, Champignons, Karotten, Lauchzwiebeln und Schikoree (vermaledeite neue Rechtschreibung), die der Service über dem Kopf an die Tische balanciert und mit den Schüsselchen zum Dippen abstellt. Gern genommen wird auch der Salade de Pataplane (mit kaltem Ziegenkäse und Oliven) oder der Salade de Pampelonne (mit warmem Ziegenkäse, Tomaten und einer Béchamel), weiterhin Melone mit Schinken oder außerordentlich große Artischocken.

Bei den Steaks auf der Karte wird besonders betont, dass das Fleisch aus Frankreich stammt. Da steht allerdings auch ein „Hamburger Cheval“ drauf, der nun aber nicht aus Pferdefleisch gemacht wird, wie ich mal frivol vermutete, vielmehr ist Patrice Sponsor des örtlichen Poloclubs, und dann wäre das doch etwas pikant, wenn… Nein, der Burger hat ein Ei obendrauf, quasi ein Weichei als Reiter. Was aber keine Rückschlüsse auf die Qualität der Spieler zulässt!

Wir sind zu viert und nehmen den Loup de mer, fangfrisch im Ganzen auf dem Grill gegart, ebenfalls ein Klassiker. Bis er kommt, zeigt die strohbehütete Dame am Nebentisch stolz auf dem i-Pad die neue Motoryacht herum, wie überhaupt festzustellen ist, dass man ohne den Apple-Flachmann im Grunde genommen in dem Club nichts zu suchen hat, so gut wie an jedem zweiten Tisch war einer zu sehen (nicht bei Lagerfeld und Elton John, die haben sich noch unterhalten).

Der Fisch wird herangetragen und präsentiert, mit wunderbar knuspriger Haut, anschließend filiert und serviert. Das Fleisch genial saftig, besser geht es nicht, da muss man sich nicht weiter in Superlativen versteigen. Die Kartoffelchips und den Reis muss man ja nicht unbedingt essen. Obwohl, der Reis mit etwas Zitrone und diesem grandiosen Dip …

Dazu trinken wir einen weißen Domaine de l’Ille 2009, frisch, spritzig, schön intensiv und ganz leicht petrolig, für das Klima mindestens ebenso gut wie der Rosé, der das Label des Clubs trägt, aber ebenso wie der Weiße von der Insel Porquerolles gleich nebenan stammt. Auf der Domaine machen sie 1200 Hektoliter pro Jahrgang, 70 Prozent Rosé, je 15 Prozent Rot und Weiß.

Wir machen es uns nach dem Café mit einem Fläschchen Rosé in den weißen Polstern gemütlich und warten auf die zweite Schicht. Das sind die, die die Nacht durchgefeiert haben und so gegen 16 Uhr wieder im Club aufschlagen. Die Steelband jedenfalls ist schon da und heizt die Stimmung trotz der Hitze noch mehr an. Bald werden sie wieder auf den Tischen tanzen, die Boatpeople, die schönen …

Mehr über Michael Tempel und seine Arbeit unter www.text-tempel.de

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