Kolumnen

Kult um die deutschen Grand Crus Wie man das „Erste Gewächs“ noch wertvoller machen kann

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Jürgen Giesel
Jürgen Giesel (29) ist Sommelier des 3-Sterne-Restaurants „Aqua" im Ritz-Carlton in Wolfsburg. Seine Karriere begann in der Berliner Weinstube Reblaus. Es folgten das Silverplana in St. Moritz, die Goldene Traube in Coburg und der Bamberger Reiter in Berlin. 2007 wurde Giesel vom Magazin Impulse zum Sommelier 2006 gekürt. Ein Jahr später legte die FAZ nach und ernannte ihn zum Sommelier 2007.

Vor 25 Jahren wurde der deutsche Grand Cru - das „Erste Gewächs" - geboren. Als Vorlage für diese neue Klassifikation diente die so genannte Dahlensche Karte. Auf dieser Landkarte hatte 1885 Heinrich Wilhelm Dahlen, der damalige Generalsekretär des Weinbauverbandes, die Lagen im Rheingau klassifiziert. Diese Spitzenlagen wurden einer sorgfältigen Prüfung unterzogen und schließlich eine neue Qualitätsbezeichnung geschaffen.

Es dauerte 15 Jahre bis die Bezeichnung „Erstes Gewächs" auch weinrechtlich legitimiert wurde. 1999 erschien der erste Jahrgang mit dem Zeichen der drei romanischen Doppelbögen auf schwarzem Grund. Seitdem hat sich um die deutschen Grand Crus ein regelrechter Kult entwickelt.

Ein Jahr nach der Lese - immer zum 1. September - stehen die „Ersten Gewächse" zum Verkauf. Viele Weine sind allerdings zu diesem Zeitpunkt längst vergriffen. Die Winzer haben ihre Produkte veräußert bevor sie offiziell in den Handel kommen. Ich empfehle also - und so halte ich es auch im „Aqua" in Wolfsburg - mindestens zwei Monate vorher die jeweiligen Bestellungen aufzugeben.

Der Run auf die „Ersten Gewächse" ist verständlich. Schließlich sind sie von hoher Qualität. Es ist das Ergebnis von strengen Richtlinien: Die Lage der Rebflächen, die Bewirtschaftung der Weinberge, die Güte des Leseguts, die Ausbaukriterien und die Lagerung des Weins unterliegen klaren Grundsätzen. Zudem ist der Begriff „Erstes Gewächs" nur im Rheingau zugelassen und darf nur von Winzern benutzt werden, die im Verein der Deutschen Prädikatsweingüter Mitglied sind.


großes gewaechsDieser Mitgliedszwang ist allerdings zu kritisieren. Denn es gibt viele Winzer, die eine erstklassige Lage bewirtschaften, aber nicht im VDP Mitglied sind. Diese Weinmacher dürfen das Prädikat „Erstes Gewächs" nicht führen. Obwohl ihr Produkt nicht selten besser ist als von einem VDP-Winzer. Meiner Meinung nach, ist das „Erste Gewächs" ein Begriff für das Deutsche Weingesetz. Das muss die Zukunft sein! Denn dann sind wir wirklich nah am Burgund - zumindest von der Klassifikation her.

Übrigens: der VDP hat das erfolgreiche „Erste Gewächs" weiterentwickelt und in den anderen Weinanbaugebieten Deutschlands das „Große Gewächs" geschaffen. Lassen Sie sich nicht irritieren: beide Begriffe haben die gleiche Bedeutung.

Wenn man das verstanden hat, sollte man sich der „Ersten Lage" zuwenden. So dürfen sich nämlich die Weine nennen, die aus der „Ersten Gewächs"-Lage kommen, aber einen höheren Zuckergehalt aufweisen als es für ein „Erstes Gewächs" zugelassen ist.

Nicht selten sind diese „Erste Lage"-Weine die authentischeren Weine. Sie schmecken nach ihrer Lage, nach ihrem für sie typischen Terroir. Viele „Erste Gewächse" unterliegen dagegen einem gewissen Mainstream-Geschmack. Wirken künstlich. Schmecken nach Schmelz und Alkohol. Komplett überkonzentriert.

Zum Glück sind das Ausnahmen. Die Spitze sind dagegen „Erste Gewächse" wie die Pinots von August Kesseler aus Assmannshausen. Er verleiht seinen Pinots Eleganz und Grazie gepaart mit wundervollen Aromen aus Cassis, Johannisbeeren, Mandeln und Himbeeren. Sie haben eine belebende Säure-Struktur, gut eingebundenen Holzeinsatz und reife, harmonische Tannine.

So muss ein Spätburgunder „Assmannshäuser Höllenberg - Erstes Gewächs" schmecken! Terroir mit genügend Kraft und Konzentration, um auch einige Jahre des Reifens zu überstehen. Das sind dann die großen Weine, die für das Beste im deutschen Weinbau stehen.

Vielleicht sollte man darüber nachdenken, ob man in schlechten Jahren nicht weniger oder vielleicht gar kein „Erstes Gewächs" auf den Markt bringt. Das würde die „Ersten Gewächse" noch wertvoller machen. Vor allem wären auch die Qualitätsschwankungen nicht so groß. Denn gerade die kleinen Winzer unterliegen jedes Jahr dem Zwang, ihrer Kundschaft ein „Erstes Gewächs" zu bieten. Egal wie der Jahrgang ausfiel.

In guten Jahren kann sich der Weinliebhaber auf das „Erste Gewächs" verlassen. Er kauft ein Top-Produkt. Kein super moderner Blockbuster. Sondern ein Wein mit Charakter und Tiefgang.

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