Kolumnen

Die große Seele in den bleichen Bergen In Corvara reifen die Weine mit Schönberg, Cage und Zucchero

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Michil Costa
Michil Costa (48) ist Chef des 1-Sterne-Restaurants „Stüa de Michil", das zum Hotel La Perla in Corvara gehört. Die Stüa war 1980 das erste Restaurant von Rang im Val Badia. Der „Naturmensch" Costa ist zudem der geistige Vater von Mahatma Wine, einem der bedeutendsten Wein- keller in Italien. Zusammen mit Kellermeister Merch Pescollderungg verwaltet er eine beeindruckende Sammlung großer Weine.

Der Weinkeller im Hotel ‚La Perla' trägt den Namen ‚Mahatma Wine'. Benannt nach Mahatma Gandhi, der „Großen Seele" der indischen Unabhängigkeitsbewegung. Gandhi war ein begnadeter Kommunikator. Selbst, wenn er schwieg – und das tat er an jedem Montag - sprach er.

Auch Wein braucht keine Worte, um seine Güte zu zeigen. Wein ist Leben. Wein hat Seele. Wein kommuniziert – wie Gandhi – auf eine sehr essentielle Art und Weise.


Um diesem Credo gerecht zu werden, lagern wir bei uns in den bleichen Bergen - wie die Dolomiten wegen ihres hellen Gesteins oft genannt werden - nur Weine, die Charakter haben. Sie müssen eine eigene, eine unverwechselbare Identität haben. Standardisierte Massenprodukte, die nur dem geschmacklichen Konsens dienen, haben keine Chance, auf die Lista dei Vini von ‚La Perla' zu kommen.


So sammelten sich im Laufe der Jahre 27.000 Flaschen an. Auf ihnen prangen 1.750 verschiedene Etikette. Unter ihnen ein Romanée-Conti aus dem Jahre 1985, einer der besten Weine, die jemals im Burgund gekeltert wurden. Oder ein Échézeaux Grand Cru 1990 von dem legendären Henri Jayer. Der Guru des Pinot Noir war zu seiner Zeit Vorbild für eine ganze Generation junger Winzer. Oder ein Château Mouton-Rothschild 1982, der mit der Traumnote von 100 Parker-Punkten ausgezeichnet wurde. Oder ein Sassicaia aus dem Jahre 1968. Der erste Sassicaia, der von der Tenuta San Guido auf dem Markt angeboten wurde. Die Nummer 1 ist ein einzigartiges Sammlerstück.


sassicaia kellerMit dem Sassicaia hat übrigens alles angefangen. Er ist das Fundament, auf dem ‚Mahatma Wine' ruht. Ende der 60er Jahre hat mein Vater, Ernesto Costa, den berühmten Toskaner entdeckt. Damals wurde er noch nicht Supertoskaner genannt. Sein internationaler Siegeszug begann erst 1972 als er vom Weinmagazin Decanter bei einer Verkostung in London zum besten Cabernet Sauvignon der Welt gekürt wurde. Zu diesem Zeitpunkt lagerten bereits unzählige Bouteillen in den Regalen von Mahatma Wine. Heute zählen wir 3.423 Sassicaia – alle Jahrgänge von 1968 bis 2005.


Viele unserer Flaschen haben Magnum-Format. Aus gutem Grund: In großen Flaschen reift der Wein langsamer. Das liegt an dem günstigen Verhältnis von Sauerstoff- und Weinvolumen. Der eindringende Sauerstoff verteilt sich - proportional betrachtet - besser auf eine größere Weinmenge. Dieser Umstand wirkt sich sehr positiv auf die Qualität aus. Wir haben also sehr früh einen eigenen Magnum-Keller geschaffen, in dem inzwischen über 1.500 dieser mächtigen Flaschen lagern. Darunter ein Amarone della Valpolicella Riserva 1990 von Altmeister Giuseppe Quintarelli und ein Barolo Riserva Monfortino 1997 von Giacomo Conterno, den der Wine Spectator mit 96 Punkten bedachte.


Liebt Wein Musik? Ich glaube ja. Wein ist so lebendig wie sie und ich. Er pulsiert. Er reift. Er wächst. Er ist ständig in Bewegung. Warum also sollte er nicht auch ein Liebhaber guter Musik sein?


Lieben Weißwein, Rotwein, Champagner, Süßwein und so weiter die gleiche Musik? Wohl kaum. Der Weißwein steht ja für Frische und Farbe, der Rotwein dagegen ist eine königliche Autorität. Der Champagner verbreitet festliche Stimmung, wäh­rend der Süßwein den Sternenhimmel symbolisiert. Also muss auch die Musik, die sie gerne hören, unterschiedlich sein.


Wir haben diese Annahme in Mahatma Wine umgesetzt. Wir wollten keinen „klassischen", keinen finsteren und muffigen Weinkeller schaffen. Wir wollten dem Wein die Bühne geben, die er verdient, die seinem Charakter, seiner Lebensfreude entspricht. Denn ... Wein ist purer Frohsinn.


hotel la perlaIm Magnumkeller zum Beispiel ertönt „Indian Summer" von Tim Morrison. Er singt. „I Love You The Best. I Love You better than all the rest". Ein bewegender Song, der vor 30 Jahren und mehr schön war und jetzt noch schöner ist. Wie unsere großen Flaschen.


Der Champagner-Keller empfängt seine Besucher mit dem lauten „Diavolo in me" von Zucchero, einem italienischen Rockmusiker aus der Emilia-Romagna. Und die Bouteillen vom Chateau d'Yquem werden mit einem Lied von Tom Waits geehrt: „Coney Island Baby".


Und im Sassicaia-Keller, den wir ‚Tempel' nennen, hören wir die ‚Klavierstücke Opus 11' von Arnold Schönberg. Das erste radikale Experiment atonaler Musik. Der Beginn eines sprachlichen Abenteuers, das in eine völlig neue Klanglandschaft einlädt. So wie der Sassicaia in den 60er Jahren ein neues, ein gewagtes Experiment war.


Am Ende des Rundgangs durch ‚Mahatma Wine' erwartet die Besucher die Krönung der Weinerzeugung: die Chateaux des Bordelais. Welches Musikstück wird Margaux, Haut-Brion, Latour oder Rothschild gerecht?


Wir hielten nur ein Stück für angemessen: „4'33" von John Cage. Die Aufnahme startet: man hört ganz leise Geräusche, ein Konzertflügel wird geöffnet, Cage setzt sich an die Tasten, er spielt 4 Minuten und 33 Sekunden nicht. Er schließt den Flügel und tritt ab. Die Stille ist die vollkommene Musik. Hier liegen die vollkommenen Weine.


(Mehr über den Weinkeller von ‚La Perla' unter http://www.viniveri.it)

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